black narcissus .03

| concept & design: modernmartyr | photos: yasmina haddad | model: krisztina kerekes
| hair & make up: alex moser_less is more / making of
| graphic design, layout & editing: silvia druml | portrait: rainer valenta




“Verzeih mir, ich kann nicht lauter sprechen.
Ich weiss nicht, wann du mich hören wirst, du, zu dem ich rede.
Und wirst du mich überhaupt hören?

Mein Name ist Hor.
Ich bitte dich, lege dein Ohr dicht an meinen Mund, wie fern du mir auch sein magst, jetzt noch oder immer. Anders kann ich mich dir nicht verständlich machen. (…)
Diese Schwäche erklärt sich vielleicht aus der Art, wie Hor haust. Er bewohnt nämlich, soweit er sich zurückerinnern kann, ein riesenhaftes, vollkommen leeres Gebäude, in welchem jedes laut gesprochene Wort ein schier nicht mehr endendes Echo auslöst.
Auf seinen täglichen Wanderungen durch die Korridore begegnet Hor mitunter noch immer einem umherirrenden Nachhall irgendeines Rufes, den er vor Zeiten unbedacht ausgestossen hat. (…)
Diesen idiotischen Gelall setzt Hor sich nun nicht mehr aus.
Er hat sich daran gewöhnt, seine Stimme - wenn überhaupt – nur unterhalb jener schwankenden Grenze zu gebrauchen, von der an sie ein Echo erzeugen könnte. Diese Grenze liegt nur wenig über der völligen Stille, denn dieses Haus ist auf grausame Art hellhörig.(...)

Mein Name ist Hor.
Besser wäre zu sagen: Ich nenne mich Hor. Denn wer außer mir ruft mich bei meinem Namen?
Habe ich schon erwähnt, dass das Haus leer ist? Ich meine vollkommen leer. Zum Schlafen rollt Hor sich in eine Ecke zusammen, oder er legt sich nieder, wo er eben ist, auch mittern in einem Saal, wenn dessen Wände zu fern sind. (…)
Das Verrinnen der Zeit bedeutet ihm nichts. Er hat keine Möglichkeit, sie zu messen, außer am Schlag seines Herzens. Aber der ist sehr unterschiedlich. Tage und Nächte kennt Hor nicht, ein immer gleiches Dämmerlicht umgibt ihn.
Wenn er nicht schläft, so zieht er umher, doch verfolgt er kein Ziel. Es ist einfach ein Drang, ein Bedürfnis, dessen Befriedigung ihm Vergnügen bereitet. Dabei widerfährt es ihm nur selten, dass er in einen Raum gelangt, den er wiederzuerkennen vermeint, der ihm bekannt erscheint, als sei er vor undenklichen Zeiten schon einmal in ihm gewesen. Andererseits lassen ihn oft untrügliche Zeichen darauf schließen, dass er an einer Stelle vorüberkommt, an der er schon einmal war – eine angebissene Mauerecke zum Beispiel oder ein Haufen eingetrockneter Exkremente.
Der Raum selbst ist Hor allerdings so fremd wie jeder andere.
Vielleicht verändern sich die Räume in Hors Abwesenheit, wachsen, dehnen sich oder schrumpfen. Vielleicht ist es sogar Hors Durchgang, der solche Veränderungen hervorruft. Doch liebt er diesen Gedanken nicht.
Viele Zimmer haben Fenster, doch öffnen sich diese nur jeweils wiederum auf andere, meist grössere Räumlichkeiten. Obwohl die Erfahrung ihm bisher niemals anderes gelehrt hat, bewegt Hor bisweilen die Vorstellung, einmal an eine letzte, äußerste Wand zu gelangen, deren Fenster den Ausblick auf etwas anderes gewähren. Hor kann nicht sagen, was das sein sollte, aber er gibt sich manchmal Erwägungen darüber hin. (…)

Ich heisse Hor.
Aber wer ist das: Ich – Hor? Bin ich denn nur einer? Oder bin ich zwei und habe die Erlebnisse jedes zweiten? Bin ich viele? Und all die anderen, die ich sind, leben dort draussen. Außerhalb jener äußersten, letzten Mauer?
Fühlt ihr mich, Glieder meines verstreuten Leibes? Hört ihr meine unhörbaren Worte, jetzt oder ohne Zeit?
Suchst du am Ende nach mir, mein anderer? Nach Hor, der du selber bist? (…)
Nähern wir uns einander durch unendliche Räume wie Sterne, Schritt für Schritt und Bild für Bild?
Und werden wir einmal einander begegnen, einst oder ohne Zeit?
Und was werden wir dann sein? Oder werden wir nicht mehr sein? Werden wir einander aufheben, wie Ja und Nein? (…)”

Michael Ende “Der Spiegel im Spiegel”